Er nahm eine Pille auf Ibiza, nur um Avicii zu zeigen, dass er cool ist und landete genau damit einen Welthit: Mike Posner hat 2015 das bittere Leben um Ruhm, Rockstarleben und den Verlust der eigenen Idenität in einem Song verarbeitet. 2026 gibt es mit „I Went Back To Ibiza“ eine Neuauflage und damit eine Bestandsaufnahme seines Daseins und die Realisation, dass Avicii diesen Lebensstil leider nicht ertragen konnte.
„I Took A Pill In Ibiza“ wurde 2015 zu einem Dance-Hit, der die Festivalwelt mitriss, während der Text genau diese Welt stark in Frage stellt. Mike Posner, welcher vorher bereits mit „Cooler Than Me“ einen absoluten Welthit landete, hat nun, 12 Jahre später nachdem er das Original veröffentlichte, eine neue Version vom Song geschrieben. Mit „I Went Back To Ibiza“ bringt er jene Melodie zurück an den Ort, der auch heute noch für exessives Feiern, das Nachtleben, Jetset, Tourleben und das schnelle Leben der Reichen und Berühmten bekannt ist. Clubs auf Weltniveau wie „Hï Ibiza“ oder Ushuaia sind die Tempel des EDM und zählen DJs wie James Hype oder David Guetta zu ihren Resident DJs und machen aus der wunderschönen Balearen Insel ein Phänomen. Jenes Phänomen, welches auch für Avicii einst das „daily business“ war und ihn irgendwann zerstört hat. Die wohlbekannte Melodie, das Arrangement aus Gitarre, Tamburin und soften Drums holen einen genau dahin zurück, wo uns „I Took A Pill In Ibiza“ einst zurückgelassen hat, doch wenn der Text einsetzt, ist alles anders.
I Went Back To Ibiza…but Avicii isn’t here no more
Setzt der Gesang des 38 Jährigen ein, fallen ungewohnte Worte. Während das Original mit „I Took A Pill In Ibiza, To Show Avicii I Was Cool“ beginnt, erklingt nun „I Went Back To Ibiza, And Got A Hotel By The Shore, But Now I’m Twelve Years Older And I’m Ten Years Sober…“ – Zeilen, die einen direkt in die Realität holen: Nicht nur werden wir alle älter, setzen unsere Prioritäten anders – auch das Nachtleben hinterlässt seine Spuren. Drogen, Alkohol – das alles macht etwas mit einem. Mike Posner sagt von sich, er sei nun seit 10 Jahren nüchtern, was darauf schließen lässt, dass auch ihn diese Feierei ziemlich mitgenommen hat. Viel markanter aber ist die nächste, gänsehaut erzeugende Zeile, denn es geht weiter mit „And Avicii Isn’t Here No More“.
Ein Tod, der alles verändert hat
Der Produzent und DJ Avicii war eine Ikone der weltweiten Electronic Dance Music Geschichte. Sein Song „Levels“ ist ein Meisterwerk, Songs wie „Hey Brother“ oder „The Nights“ sind Meilensteine in der Tanzmusikbranche. Am 20.04.2018 passierte dann das unfassbare: Der schwedische Weltstar, welcher bürgerlich unter dem Namen Tim Bergling bekannt war, begang Suizid. Eine Nachricht, die um die Welt ging. Trauer in der EDM Szene. Festivals veranstalteten Tribute, es gab ein großes Gedenkkonzert und auch heute noch ist dieser Verlust ein Mahnmal der Branche, welcher uns alle daran erinnert, auch mal die Handbremse zu ziehen und viel mehr auf uns selbst zu achten. Mike Posner erinnert in seinem Song an diesen Verlust und löst damit etwas aus, was viel mehr, als die reine Realisation über das Ableben von Avicii ist. „Avicii Isn’t Here No More“ löst beim Hörer das Gefühl aus, als würden sich seitdem die Uhren in dieser schnellen Welt langsamer drehen, als hätte bis heute dieser Fakt einen Einfluss darauf, wie Menschen diesen Lebensstil betrachten.
Das Leben geht weiter
Mike Posner besingt im weiteren Verlauf des Liedes seine persönliche Weiterentwicklung. Während „I Took A Pill In Ibiza“ eine traurige, aber ehrliche Portraitierung seines damaligen Zustandes war, ist „I Went Back To Ibiza“ eine Hommage an seine Transformation, raus aus Los Angeles, hinein in das Leben als Familienmensch, welcher knapp einer Tragödie entgangen ist. Der Song löst vor allem Nostalgie in einem aus und sorgt mit den geschriebenen Zeilen dafür, das Bedürfnis nach der eigenen Rekapitulation zu stillen: Einmal tief inne halten und darüber nachdenken, ob der eigene Lebensstil auf Dauer auch der mentalen Gesundheit zuträglich ist oder man auch vielleicht einfach mal etwas entschleunigen sollte.
I Went Back To Ibiza hält der EDM Szene den Spiegel vor
Besonders für Menschen, welche Teil der Szene sind, ist dieser Song auch ein wenig wie ein Spiegel, der einem vorhält, was die Vergangenheit mit einem gemacht hat und was die eigenen Entscheidungen für Konsequenzen haben. „I Took A Pill In Ibiza“ war nie der „Gute-Laune“-Hit, den der Beat vermuten lässt. Er war, ähnlich wie die Songs von Avicii auch, eine melancholische Botschaft, ein Versuch, dem Trubel und der Geschwindigkeit rund um Festival Bookings, Backstage Exzessen und Jetset zu entfliehen. Mit der Neuauflage bringt Mike Posner diese Botschaft auf den Punkt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.
„I Went Back To Ibiza“ fühlt sich eben nicht an, wie eine Neuauflage. Es fühlt sich an wie die Vollendung einer Geschichte. Die letzte Folge. Das Staffelfinale. Der Rückblick nach der Katastrophe. Posner nutzt genau den Song, den er während des Verlustes seiner Selbst geschrieben hat dafür, aufzuzeigen, wie weit er sich von dieser Person entfernt hat und die Kurve gekriegt hat. Die Erwähnung von Avicii tut weh. Nicht nur, weil sie uns schmerzlich realisieren lässt, dass Avicii nicht mehr da ist. Der Kontext macht uns allen klar: Avicii hat diesen Kampf verloren. Avicii hat es nicht aus diesem Loch geschafft. Es wirkt ein wenig so, als würde diese Erwähnung uns das alternative Ende der Geschichte aufzeigen.
Mit „I Went Back To Ibiza“ entlässt Mike Posner uns mit einem Gefühl der Vollendung. Alles wird gut. Und so wurden aus den einstigen „Sad Songs“ „Love Songs“ und der Glaube an Gott.
Bildquellen
- Cuetime_03_for_websites: Cuetime.de
- mikeposner: Universal Music Presse Lounge
