HipHop Kolumne

Deutschrap Hype: Eine Kolumne über Capi & Co.

Schon seit einigen Jahren ist der deutsche Rap aus den Charts nicht mehr wegzudenken. Capital Bra, Mero oder Miami Yacine: Sie alle beherrschen die Top 100 mit Trap & Co. Eine Kolumne von Fabian, die Deutschrap thematisiert und den Hype analysiert.

Deutschrap hat keine Seele mehr, oder? Die Texte sind nur lieblos, ohne Message und überhaupt: Ohne Kai würde den Kram doch auch keiner hören. Diese Aussagen werden immer öfter getroffen, meist von Leuten, die mit Deutschrap nichts anfangen können. Aber woher kommt der Hass gegen eine Musikrichtung, die ja doch jeder hört? Gegen eine Musikrichtung, die die Charts stürmt wie keine je zuvor und gegen eine Musikrichtung, die mehr “Anti” nicht sein könnte?

Die Zielgruppe: Viel zu jung?

Deutschrap hören doch nur Kinder, oder? Das ist doch keine Musik für einen klaren Menschenverstand und sowieso: Wer sowas hört, ist doch definitiv blöde im Kopf.

Eine Statistik vom deutschen Musikinformationszentrum zeigt es: Deutschrap wird bevorzugt von Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren gehört. Im aufsteigenden Alter werden es immer weniger, aber selbst mit 50 bleibt die Statistik bei fast 20% der befragten Hörer. Krass, oder?

Aber da wäre noch der Punkt mit der Bildung: Hierzu habe ich leider keine Statistik gefunden, weshalb ich selbst eine kleine Recherche gestartet habe. Welchen Beruf oder Schulabschluss haben die Hörer der deutschen Rapmusik? Die Umfrage lief über Reddit und ist natürlich in keinem Fall repräsentativ.
Doch die Ergebnisse dieser Umfrage sind für mich nicht verwunderlich.

Deutschrap’s Hörer kommen aus allen Richtungen

Die Umfrage hatte vier Fragen, in denen es um die Bildung, den Beruf und die Altersgruppe geht. Als erstes werten wir die Frage nach dem Schulabschluss aus.

Die Statistik zeigt die Schulabschlüsse der Teilnehmer.

Hier zeigt sich eindeutig, dass der Großteil der Teilnehmer das Abitur abgeschlossen hat, gefolgt von dem Realschulabschluss, dem Fachabitur und dem Hauptschulabschluss. Unter sonstiges fallen in diesem Fall Abschlüsse wie ein Studium oder ausländische Abschlüsse (z.B aus der Schweiz).
Aus dieser Statistik lässt sich natürlich in keinem Fall erkennen, wie intelligent der durschnittliche Deutschraphörer ist und es ist auf keinen Fall erkennbar, wie wichtig dies für das Allgemeinbild ist, jedoch lässt sich gut das typische Bild vom “Hauptschüler mit der Bluetoothbox in der letzten Reihe des Busses” widerlegen, da in unserer Umfrage gerade einmal ein Proband Hauptschüler war. Wichtig ist mir hierbei: Der Schulabschluss sagt nichts über die Intelligenz eines Menschen aus – dafür ist unser Schulsystem einfach zu schlecht konzeptioniert und es spielen zu viele Faktoren eine Rolle bei der Gewinnung eines Schulabschlusses, merkt euch dies bitte.

Als nächstes nehmen wir uns die Frage nach dem Beruf vor. Auch hier soll einzig und allein gegenübergestellt werden, wie viele der befragten Menschen überhaupt einen Beruf haben – es geht nicht darum, eine Wertung über die Wichtigkeit oder die Wertigkeit eines Berufes aufzustellen.

Diesen Berufen gehen die Teilnehmer nach (Kreisdiagramm)

Wie wir aus dem Diagramm erkennen können, ist der Großteil der Hörer aktuell im Studium beschäftigt. Etwas weiter dahinter folgen dann Menschen, die im Büro oder in der IT arbeiten. Darunter fallen Programmierer, Webentwickler aber auch Kauffrau/-mann für Büromanagement. Zu gleichen Teilen haben wir in unserer Statistik Azubis und Sozialpädgogen erfasst, den kleinsten Anteil (jeweils eine Stimme) erhielten der Industriekaufmann und der Einzelhandleskaufmann.
Daraus lässt sich ableiten, dass die Hörer des deutschen Raps zu großen Anteilen in einer Beschäftigung sind – auch hier muss man natürlich dazu sagen, dass wir nur einen kleinen Teil der Hörerschaft befragt haben, es deckt sich jedoch auch mit meinen persönlichen Erfahrungen.

Aber genug Zahlen, genug Statistiken und genug Diagramme. Deutschrap hat einen schlechten Ruf – aber wieso? Die Antworten fand ich in einer Facebook-Gruppe, in der man über dieses Thema schon länger disktutiert. Frauenfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung, Kriminalität: Mehr kann Deutschrap nicht, oder?

Deutsche Rapper sind doch alle kriminell

Deutschrap wird beherrscht von kriminellen Ausländern – dieses Bild erzeugen die Medien immer wieder. Was dabei oft nicht erwähnt wird ist, wie diese Musikrichtung sich überhaupt entwickelt hat. In Zeiten, in denen Bushido & Co gerade anfingen zu rappen. Warum taten sie das? Was war die Motivation? Die Antwort: Raus hier. Raus aus der Armut. Viele Deutschrapper teilen sich das gleiche Schicksal: Familienprobleme, kein Geld im Haushalt – es fehlte an allen Ecken. Dabei staut sich etwas an, es entstehen Wut aber auch Existenzängste. Oft resultieren hieraus Straftaten – ein Fakt, den man nicht leugnen kann. Genau dort setzte Rap dann an: Geschichten erzählen, anderen Leuten eine Message mitgeben.
Dies hat sich in den letzten Jahren etwas gewandelt. Heute geht es im Deutschrap viel mehr um die Beats – die Message rückte in den Hintergrund. Doch wann hat dieser Wandel begonnen?

Deutschrap im Hype

2016 fing der Hype um die 187 Straßenbande an. Palmen aus Plastik wurde groß und zog in die Clubs der Nation ein. Wenig später folgten Rapper wie Capital Bra & Samra, die KMN Gang, Nimo und Bausa. Der Dancehall & Afrotrap Hype war geboren. Alle tanzten zu Olé Olé, Wieso, Was du liebe nennst oder Heute mit mir – es war ein frischer Wind nach einer langen Periode angeführt von David Guetta, Martin Garrix und Co.

Ein Club im Ulm verbietet die vermeindlich frauenfeindliche Musik

Heute, vier Jahre später, hält der Hype immer noch an. Capital Bra ist die unangefochtene Nummer eins, neue Sterne am Deutschraphimmel haben sich aufgetan. Apache 207 erobert die Nation mit seinem Roller und die Kritiken um diese Szene werden laut. Egal ob Olli Schulz und Jan Böhmermann in ihrem Podcast “Fest & Flauschig” oder in der Club Szene: Deutschrap hat einen schlechten Ruf. Doch wie kommt das zustande?

Der Wandel um den deutschen HipHop zog eine riesen Welle Newcomer mit sich. Jeder wollte der krasseste sein, alle wollen polarisieren. Um bei Spotify rauszustechen, muss man in großen Playlists landen, sich eine Fangemeinde aufbauen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die 23-jährige Katja Krasavice. Bekannt wurde sie durch freizügige Videos auf Youtube – dann kam “Doggy”. Ein Song, der ihre Freizügigkeit widerspiegelte. Es folgten weitere Songs, vor kurzem ein Album. Dieses Album ging auf die 1 –  in der selben Woche, in der auch Eminem released hatte. Ein Fakt, der für sich spricht.

Deutschrap ist oberflächlich geworden, er ist deskriptiv. Er zeigt eine Welt um junge Menschen, denen es um Status geht. Prollen, protzen, profilieren – eine ganze Generation lebt nach diesem Motto. Aber auch die älteren Generationen haben ihren Spaß an der Musik – denn hier kommen wir zum springenden Punkt. Deutschrap ist melodisch geworden. Der Text ist in den Hintergrund gerückt. Wenn man möchte, kann man Deutschrap mit dem deutschen Schlager vergleichen: Einfach zu merkende Texte, melodischer Klang, eingängier Rythmus. Dies ist die feuerfreundliche Seite der Musik. Doch: Deutschrap hat auch andere Facetten, Facetten, die in Clubs nicht zum Vorschein kommen: Bushido, Kontra K & Co. laufen in Clubs lange nicht so häufig wie Capi, Samra oder Apache.

Und die Moral von der Geschicht?

Deutschrap hat sich in den letzten Jahren verändert – von Peter Fox hin zu Capital Bra. Und das ist okay. Deutschrap ist melodisch geworden, wurde weniger seriös, weniger Gangster. Es geht darum, sein eigenes Ego zu stärken, “sich zu fühlen”. Und auch das ist okay. Denn jede Generation hat doch ihren eigene musikalischen Stil. Die 70er mit ABBA, Bruce Springsteen oder Simon & Garfunkel. Die 80er mit der neuen deutschen Welle, die 90er Tech-Rave Zeit, die 2000er mit dem RnB, die frühen 2010er mit dem EDM und nun ist es halt Deutschrap. Und es wird immer Kritiker aus alten Zeiten geben, die das Neue verachten. Und umgekehrt wird es auch in anderen Generationen Fans des neuen Stils sein. Am Ende bleibt uns sowieso nur: Aussitzen und akzeptieren. Toleranz gegenüber anderer Musik ist etwas großartiges. Feiern gehen macht endlich auch mit Apache spaß und ein wenig Akzeptanz gegenüber der neuen Generation ist auch nicht unbedingt schlecht.

Titelbildquelle / Bildquellen des Artikels

  • man-wearing-blue-pullover-hoodie-holding-microphone-3165428: Fabian
Fabian
Fabian ist in der Geschäftsführung und der Redaktion von Yousic tätig. Außerdem ist er eine der Stimmen aus dem Podcast. Er wohnt in der Nähe von Oldenburg und arbeitet als Programmierer sowie DJ.
http://www.yousic-media.net/

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